Inhaltsverzeichnis

    Das Wichtigste in Kürze

    • ODF vs. OOXML: Die Formatwahl bestimmt Ihre digitale Souveränität stärker als die Software-Wahl
    • Nextcloud + Collabora für maximale Datensouveränität, Nextcloud + OnlyOffice für Microsoft-Kompatibilität
    • LibreOffice, Collabora und OnlyOffice sind 2026 produktionsreife Microsoft-365-Alternativen
    • Euro-Office v1.0 ist ein Beobachtungskandidat, aber noch keine Basis für den Produktivbetrieb

    Euro-Office ist gestartet. Das klingt nach einem Durchbruch für digitale Souveränität in Europa — und ist es vielleicht auch. Aber hinter der Ankündigung steckt ein Lizenzstreit, ein Formatkonflikt und eine Landschaft an Open-Source-Lösungen, die für Unternehmen schon heute funktioniert. Dieser Artikel bringt Ordnung in das Ökosystem — bevor wir in den Folgeartikeln die einzelnen Lösungen in der Tiefe besprechen.


    Was Euro-Office ist — und was es nicht ist

    Am 9. Juni 2026 veröffentlichte ein europäisches Konsortium die erste stabile Version von Euro-Office. Hinter dem Projekt stehen Nextcloud, IONOS, Proton, OpenProject, XWiki, Soverin, Abilian und weitere Unternehmen. Das Ziel: eine kostenlose, webbasierte Office-Suite als Alternative zu Microsoft 365 und Google Workspace — vollständig in europäischer Hand, DSGVO-konform, Open Source.

    Technisch basiert Euro-Office auf einem Fork von OnlyOffice, einem bestehenden Open-Source-Editor. Das Konsortium entschied sich für OnlyOffice als Basis, weil dessen Architektur von Grund auf für den Browser entwickelt wurde — im Gegensatz zu LibreOffice, das ursprünglich als Desktop-Anwendung entstanden ist.

    Die Wahl dieser Basis hat sofort Konsequenzen ausgelöst.

    Der Lizenzstreit. OnlyOffice hat unmittelbar nach der Projektankündigung Ende März 2026 seine achtjährige Partnerschaft mit Nextcloud suspendiert. Der Vorwurf: Das Konsortium habe beim Erstellen des Forks gegen die AGPLv3-Lizenz verstoßen — konkret gegen Klauseln zur Markenführung und Namensnennung der Ursprungsquelle. Nextcloud und IONOS widersprechen dieser Auslegung. Sie verweisen auf Unterstützung durch Bradley M. Kuhn, den Schöpfer der AGPL-Lizenz selbst, und auf die Free Software Foundation. Rechtlich sieht es für Euro-Office nach aktuellem Stand gut aus. Ob der Zeitplan für einen stabilen Unternehmensbetrieb dennoch gehalten werden kann, bleibt abzuwarten.

    Die Formatfrage. LibreOffice — die älteste europäische Office-Suite, wie die Document Foundation zu Recht betont — hat in einem öffentlichen Brief Euro-Office scharf kritisiert. Der Kern: Euro-Office verwendet standardmäßig OOXML als Dokumentformat, also das von Microsoft entwickelte Format (.docx, .xlsx, .pptx). Wer OOXML als Standard setzt, macht sich nach Ansicht von LibreOffice weiterhin von Microsoft abhängig — auch wenn die Software selbst Open Source ist. Das Format, nicht nur die Anwendung, bestimmt die Souveränität.

    Nextcloud und IONOS sehen das pragmatisch: Im Unternehmensalltag tauschen die meisten Betriebe Dokumente im Microsoft-Format aus. Wer auf ODF besteht, erzeugt Reibung bei jedem externen Austausch. Beide Positionen haben ihre Berechtigung. Und beide beschreiben das Grunddilemma des gesamten Ökosystems — auf das wir weiter unten noch eingehen.


    Die entscheidende Vorfrage: Format vor Software

    Bevor Sie sich für eine Software entscheiden, müssen Sie eine strategische Frage klären: Welches Dokumentformat soll in Ihrem Betrieb der Standard sein?

    ODF (Open Document Format) ist ein offener ISO-Standard, von keinem einzelnen Unternehmen kontrolliert. Wer ODF verwendet, ist formatunabhängig und hat maximale digitale Souveränität. Der Preis: Im Austausch mit externen Partnern entstehen Reibungen, weil die meisten Empfänger Microsoft-Formate erwarten.

    OOXML (Office Open XML) ist ebenfalls ISO-normiert, wird aber faktisch von Microsoft kontrolliert und weiterentwickelt. Wer OOXML als Standard setzt, hat maximale Kompatibilität nach außen — aber eine strukturelle Abhängigkeit von Microsofts Formatentscheidungen.

    Die pragmatische Empfehlung: intern ODF, extern OOXML als Austauschformat. Das ist die Mitte, die Collabora und LibreOffice seit Jahren verfolgen, und die im Unternehmensalltag am wenigsten Reibung erzeugt. Für Unternehmen, die souveräne IT Schritt für Schritt aufbauen möchten, ist diese Format-Strategie ein wichtiger Baustein.


    Der vollständige Vergleich: Alle relevanten Lösungen auf einen Blick

    LösungLizenz & KostenSelf-HostingCloud-BetriebKI-FunktionenStandardformatTräger & Mission
    LibreOfficeMPL 2.0, kostenlos✅ Desktop + Server (via Collabora)⚠️ Nur via Collabora Online⚠️ In Entwicklung, kaum nativODFDocument Foundation (gemeinnützig, DE/EU); Open Standards, Vendor-Unabhängigkeit
    Collabora OnlineAGPL + kommerzielle Lizenzen; managed ab ca. 16 €/Monat✅ Docker, Kubernetes✅ Nextcloud-Integration, eigene Cloud⚠️ Grundfunktionen, Ausbau geplantODF (OOXML-Import/-Export)Collabora Ltd. (UK); LibreOffice-Kern im Browser, öffentliche Verwaltung DE
    OnlyOfficeAGPL Community (kostenlos, bis 20 Verbindungen); Enterprise ab ca. 1.500 € / 50 User einmalig; Cloud ab ca. 5 $/User/Monat✅ Docker, Kubernetes, Nextcloud-App✅ OnlyOffice Cloud, Nextcloud-Integration✅ KI-Plugin (OpenAI + lokale Modelle)OOXML (.docx/.xlsx/.pptx)Ascensio System SIA (Lettland, russische Wurzeln — Diskussionspunkt); MS-Kompatibilität als Kern
    Euro-OfficeAGPLv3, kostenlos✅ GitHub (seit 9.6.2026), geplant✅ Web-first; Nextcloud, IONOS, XWiki⚠️ Geplant, noch nicht produktionsreifOOXML (Kritikpunkt von LibreOffice)Konsortium: Nextcloud, IONOS, Proton, OpenProject u.a.; europäische digitale Souveränität
    Nextcloud HubAGPLv3; Enterprise Support ab ca. 1.900 €/Jahr (25 User)✅ Primär self-hosted (Debian, Docker)✅ Nextcloud.com managed, zahlreiche Hoster✅ Nextcloud AI (lokale Modelle, Zusammenfassung, Übersetzung, DSGVO-konform)Abhängig vom eingebundenen EditorNextcloud GmbH (Stuttgart); Datensouveränität, DSGVO-first, europäische Plattform
    CryptPadAGPLv3, kostenlos; Pro ab 5 €/Monat✅ Ja✅ cryptpad.fr❌ NeinEigenes Format, Export möglichXWiki SAS (Frankreich); End-to-End-Verschlüsselung als Kernprinzip
    SoftMaker FreeOfficeKostenlos; SoftMaker Office ab 29,90 €/Jahr✅ Desktop (Win/Mac/Linux)❌ Nein❌ NeinOOXML-kompatibelSoftMaker (Nürnberg); kommerzielle Desktop-Alternative, kein Cloud-Fokus
    ONLYOFFICE (OpenDesk/Govcloud)Sonderkonditionen öffentliche Hand⚠️ Eingeschränkt⚠️OOXMLZenDis (DE); Bundesprojekt für Verwaltungsdigitalisierung

    Legende: ✅ vollständig vorhanden · ⚠️ eingeschränkt oder in Entwicklung · ❌ nicht vorhanden


    Was die Lösungen im Kern unterscheidet

    Der Blick auf die Tabelle zeigt: Technisch sind die Abstände zwischen den reifen Lösungen kleiner geworden. Die eigentlichen Unterschiede liegen in drei Dimensionen.

    1. Architektur: Desktop vs. Web-first LibreOffice ist ursprünglich eine Desktop-Anwendung — mächtig, vollständig, aber nicht für kollaboratives Echtzeit-Arbeiten im Browser gedacht. Collabora Online und OnlyOffice sind die jeweiligen Web-Antworten. OnlyOffice hat den Web-Ansatz von Anfang an konsequent verfolgt; Collabora hat den Weg über Portierung gewählt. Das spürt man in der Benutzeroberfläche.

    2. Ökosystem: Stand-alone vs. Plattform LibreOffice, OnlyOffice und Collabora sind Office-Editoren. Nextcloud ist eine Kollaborationsplattform, in die diese Editoren eingebunden werden. Wer Microsoft 365 vollständig ersetzen will — also auch OneDrive, Teams, Exchange — kommt an Nextcloud nicht vorbei. Wer nur einen Editor braucht, kann direkter wählen.

    3. Herkunft und Vertrauen OnlyOffice ist technisch stark, hat aber wegen seiner Entwicklungswurzeln (Ascensio, Lettland, russische Wurzeln) Vertrauensfragen ausgelöst — das war der Haupttreiber für den Euro-Office-Fork. LibreOffice und Collabora haben eine klare europäische Community-Geschichte. Nextcloud ist explizit deutsch, mit Sitz in Stuttgart und einem CEO (Frank Karlitschek), der Datensouveränität als Mission versteht.


    Welche Kombination für welchen Betrieb?

    Es gibt keine Universalempfehlung — aber es gibt klare Muster.

    Nextcloud + Collabora Online ist die Wahl für Betriebe, die maximale Datensouveränität wollen, mit der öffentlichen Verwaltung zusammenarbeiten oder ODF als Standard bevorzugen. Diese Kombination ist in großen Behörden-Rollouts (Schleswig-Holstein, OpenDesk) bewiesen und hat den stabilsten offiziellen Support in Deutschland.

    Nextcloud + OnlyOffice ist die Wahl für Betriebe, die täglich mit externen Partnern im Microsoft-Format arbeiten und eine Benutzeroberfläche wollen, die das Team ohne lange Eingewöhnung akzeptiert. Die KI-Funktionen sind hier bereits weiter entwickelt.

    LibreOffice (Desktop) ist die Wahl für Betriebe, die hauptsächlich intern arbeiten, keine Echtzeit-Kollaboration im Browser benötigen und maximale Unabhängigkeit ohne jede Serverinfrastruktur wollen.

    CryptPad ist eine sinnvolle Ergänzung für Betriebe in regulierten Branchen — Steuerberater, Rechtsanwälte, Gesundheitswesen — bei denen die End-to-End-Verschlüsselung des Dokumentinhalts rechtlich oder ethisch geboten ist. Für Steuerberater haben wir einen speziellen Praxisguide zu ChatGPT in österreichischen Kanzleien erstellt.

    Euro-Office ist ein Beobachtungskandidat. Das Konsortium ist seriös, das Ziel legitim — aber v1.0 ist keine Basis für einen produktiven Betrieb. Zu empfehlen frühestens in zwölf bis achtzehn Monaten, wenn der Lizenzstreit geklärt und die Stabilität bewiesen ist.


    Was kommt in dieser Artikelreihe

    Dieser Überblick ist der Einstieg. In den Folgeartikeln gehen wir in die Tiefe. Wie Sie Ihr internes Unternehmenswissen für KI-Systeme nutzbar machen, behandeln wir in einem separaten Praxisguide:

    • Teil 2: Nextcloud Hub im Detail — Die europäische Kollaborationsplattform: Aufbau, Funktionen, Hosting, KI, Kosten
    • Teil 3: Collabora Online im Detail — LibreOffice im Browser: Installation, Stärken, Grenzen, Einsatzszenarien
    • Teil 4: OnlyOffice im Detail — Microsoft-Kompatibilität als Strategie: Architektur, KI-Plugin, Community vs. Enterprise
    • Teil 5: Euro-Office — Versprechen und Wirklichkeit — Der Fork, der Lizenzstreit, die Formatfrage, und was das für europäische Betriebe bedeutet

    Fazit

    Das Open-Source-Office-Ökosystem ist 2026 ausgereifter als je zuvor. Auch im Bereich Projektmanagement haben sich Open-Source-Alternativen als ernsthafte Konkurrenz zu Cloud-Tools etabliert. LibreOffice, Collabora und Nextcloud haben in den letzten Jahren so viel aufgeholt, dass die Frage nach dem Ersatz für Microsoft 365 keine rhetorische mehr ist.

    Euro-Office bringt zusätzliche Aufmerksamkeit für ein Thema, das diese Aufmerksamkeit verdient. Ob das Projekt selbst der richtige Träger dieser Aufmerksamkeit ist, muss sich noch zeigen.

    Was sich bereits jetzt sagen lässt: Ein Betrieb, der heute Nextcloud mit Collabora oder OnlyOffice einführt, hat eine vollständige, DSGVO-konforme Alternative zu Microsoft 365 — ohne auf Cloud-Funktionen, Echtzeit-Kollaboration oder KI-Assistenz verzichten zu müssen. Die Technologie ist bereit. Die Frage ist nur, welche Kombination zu Ihrer Infrastruktur, Ihrem Team und Ihrem Datenschutzbedarf passt.


    Sie überlegen, Microsoft 365 in Ihrem Betrieb durch eine DSGVO-konforme Lösung zu ersetzen, wissen aber nicht, welche Kombination zu Ihrer Infrastruktur passt? In einem kostenlosen 30-Minuten-Gespräch klären wir gemeinsam, welche Lösung für Ihre Situation sinnvoll ist.